Blutfarmen

Blutfarmen in Argentinien und Uruguay

Bei unseren Recherchen über Pferdefleischimporte aus Qualproduktion in Übersee sind wir auf eine weitere Grausamkeit gestossen: Blutfarmen. Orte, an denen tausenden tragenden Stuten ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden Blut abgenommen wird. Aus ihrem Blut gewinnt man das Hormon PMSG (Pregnant Mare Serum Gonadotropin). Die europäischen Ferkelproduzenten setzen dieses Hormon ein für die Brunstinduktion und -synchronisation bei Sauen, für die Steigerung der Wurfgrösse und/oder zur Auslösung der Pubertätsentwicklung. Auch bei anderen sog. "Nutz"tieren, z. B. bei Milchkühen, wird PMSG zur Zyklussteuerung eingesetzt.

Wir recherchieren seit Anfang 2015 über das Blutgeschäft in Uruguay und Argentinien und berichten regelmässig. Es ist ein Millionengeschäft, das seit rund 40 Jahren hohe Profite abwirft. Wir haben mit (ehemaligen) Mitarbeitern, Nachbarn, Blutfarmern, Tierärzten und Vertretern des Landwirtschaftsministeriums in Uruguay gesprochen. Unsere Recherchen zeigen, dass in Argentinien und Uruguay mehr als 10.000 Stuten für die Fleisch- und Milchproduktion in Europa misshandelt und ausgebeutet werden. Dass sie aufgrund des hohen und wiederholten Blutverlusts anämisch werden oder an Mangelkrankheiten leiden und Verletzungen unversorgt bleiben. Dass ihre Fohlen abgetrieben werden, damit die Stuten zweimal pro Jahr belegt werden können, da das Hormon nur in der frühen Trächtigkeit gewonnen werden kann. Dass jedes Jahr rund 30 Prozent der Stuten aus dem Prozess ausscheiden, da sie entweder auf den Weiden sterben oder an EU-zertifizierte Schlachthöfe verkauft werden, wenn sie nicht mehr trächtig werden.

Recherchen vom Januar und April 2018 belegen, dass sich seit 2015 nichts geändert hat, trotz Versprechungen von Pharmakonzernen und Behörden, mit neuen Handbüchern und Audits die Situation zu verbessern. Videoaufnahmen zeigen: Noch immer werden trächtige Stuten während der Blutentnahme auf brutalste Art und Weise gequält. Verletzte, kranke und abgemagerte Stuten bleiben unversorgt auf weiten Waldweiden sich selbst überlassen.

Das Blutgeschäft wird in Uruguay und Argentinien staatlich toleriert, z. T. sogar subventioniert und von grossen Pharmakonzernen (Hipra, Zoetis) profitabel genutzt. Nach der MSD im Jahr 2017 erklärten im Juli 2018 das deutsche Pharmaunternehmen IDT Biologika und das französische Unternehmen Ceva Santé Animale, kein PMSG mehr aus Südamerika zu importieren.

Wir meinen, die europäischen Konsumenten sollten Bescheid wissen über das Geschäft mit dem Leid der Blutstuten. Unsere Recherche dient der Aufklärung und dem Ziel, einen EU-weiten Importstopp zu erreichen für PMSG aus Südamerika sowie ein Verbot des Einsatzes von PMSG in der europäischen "Nutz"tierhaltung.

Dossier: Blutfarmen in Südamerika

Film: Das Blutgeschäft (2015)

Film: Das Blutgeschäft - Teil 2 (2017)

Film: Das Blutgeschäft - Teil 3 (2018)

Pressemitteilung 8/2018: Blutfarmen

PMSG-Gewinnung in Deutschland

Als wir Ende 2019 die PMSG-Gewinnung im thüringischen Haflinger-Gestüt Meura aufdeckten, haben die Behörden widersprüchliche Stellungnahmen abgegeben: Während die Bundesregierung der Meinung war, dass die Blutentnahmen bei trächtigen Stuten als Tierversuch einzustufen und für die Genehmigung die Landesbehörden zuständig seien, vertrat das thüringischen Ministeriums (TMASGFF) die Meinung, dass die Serumgewinnung für die Produktion eines Wirkstoffes kein Tierversuch und damit auch nicht genehmigungspflichtig sei. Aufgrund dieser widersprüchlichen Rechtsauffassungen haben wir ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Dieses kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Blutentnahmen für die Herstellung von Arzneimitteln sind als Tierversuche einzustufen. Die Blutentnahmen zur Gewinnung von PMSG sind jedoch rechtswidrig, denn ein Tierversuch muss die Voraussetzung der Unerlässlichkeit erfüllen. Laut Bundesregierung gibt es am Markt 36 synthetische Alternativen zu PMSG. Damit ist die PMSG-Gewinnung nicht notwendig, sie ist verzichtbar. Hinzu kommt, dass die Leitlinien zur Gewinnung von Blut und Blutprodukten grundsätzlich die Blutentnahme bei trächtigen Stuten verbieten.

Nach mehreren Beschwerdebriefen und Anfragen haben sich das thüringische Ministerium und das zuständige Landesamt Mitte 2020 umentschieden. Das, was im Gestüt Meura gemacht würde, sei nun doch ein Tierversuch. Ohne weitergehende Prüfung der Voraussetzungen wurde die Erlaubnis erteilt, weitere fünf Jahre trächtigen Stuten Blut abzuzapfen.

Wir gehen juristisch und politisch gegen diese Willkür-Genehmigungspraxis und unnötigen "Tierversuche" vor. Wir setzen uns auf nationaler und auf EU-Ebene für ein Verbot der PMSG-Gewinnung ein. Deutschland und Meura dürfen kein Türöffner werden für eine EU-weite PMSG Produktion.

Rechtsgutachten (PDF)

PMSG-Gewinnung in Island

In Island wird seit rund 40 Jahren Blut von trächtigen Stuten entnommen, doch das Geschäft hat sich im letzten Jahrzehnt verdreifacht. Mehrere Pharmaunternehmen haben nach dem vor sieben Jahren bekannt gewordenen Skandal um Blutfarmen in Uruguay und Argentinien den Import von PMSG aus diesen Ländern gestoppt und beziehen nun PMSG aus Island. Im Jahr 2021 wurde dort von 5'300 Stuten auf 119 Farmen Blut abgezapft. Das isländische Pharmaunternehmen Isteka kauft Blut von unabhängigen Farmern auf, betreibt aber auch eigene Blutfarmen und besitzt hunderte Stuten. 2020 betrug der Umsatz von Isteka rund 11 Millionen Euro.

Fünf Liter Blut werden den trächtigen Stuten pro Woche entnommen, während zwei Monaten. Dies ist mehr als viermal so viel wie internationale Richtlinien empfehlen. Die meisten Stuten, die für die PMSG-Gewinnung verwendet werden, sind halbwild. Sie werden nur für die Fleisch- und Blutproduktion genutzt und sind den Umgang mit Menschen nicht gewöhnt. Die ungezähmten Pferde sind verängstigt oder gar panisch, wenn sie in die engen Fixierboxen getrieben werden. Wenn sie sich wehren, wird Gewalt angewendet. Sie werden mit Peitschen, Plastikstöcken, Eisenstangen und mit Holzbalken geschlagen und malträtiert. In den Fixierboxen wird ihr Kopf mit einem Seil hochgebunden und ein Gurt wird über ihren Rücken gespannt, damit sie nicht steigen können. Diese grobe Behandlung und Fixierung führt zu einer sich wiederholenden Traumatisierung der Stuten, auch bekannt als "erlernte Hilflosigkeit". Ausserdem birgt die Art und Weise der Fixierung zahlreiche Verletzungsgefahren.

In Island werden Pferde traditionell auch für die Fleischproduktion gezüchtet. Jedoch sind die Schlachtpreise für Fohlen in derselben Zeit, in der sich die PMSG-Produktion verdreifacht hat, stark gesunken. Heute sind die Fohlen längst nur noch ein billiges Nebenprodukt des Blutgeschäfts. Die Farmer verdienen mit dem Blut einer Stute ungefähr viermal so viel wie mit einem "Schlacht"fohlen.

Wenige Wochen nach der Veröffentlichung unseres Dokumentarfilms in Island wurde dem Parlament ein Gesetzentwurf vorgelegt, der ein Verbot der Blutentnahmen von trächtigen Stuten fordert. Der Gesetzentwurf wird derzeit von einem parlamentarischen Ausschuss geprüft. Gleichzeitig hat die Landwirtschaftsministerin eine Arbeitsgruppe beauftragt, die Rechtsgrundlagen und die wirtschaftliche Bedeutung der PMSG-Gewinnung zu untersuchen und bis im Juni 2022 Ergebnisse und Empfehlungen zu präsentieren.

Wir unterstützen den isländischen Gesetzesantrag sowie den Beschluss des Europäischen Parlaments vom Oktober 2021, welcher die EU-Kommission dazu auffordert, sowohl den Import als auch die EU-weite Gewinnung von PMSG zu stoppen.

Zum Dokumentarfilm

Zum Dossier

Expertise des Schweizer Nationalgestüts (Agroscope) zu Blutfarmen

Einsatzberichte