29. Juni 2026

Neuer Bericht zeigt systemische Risiken in der globalen Tiertransportschiff-Flotte

Die globale Tiertransportflotte ist veraltet, gefährlich für Tiere, Crew und Umwelt und weist deutlich häufiger Probleme auf als sonstige Frachtschiffkategorien.

Ein besonders schlimmes Beispiel eines Lebendtiertransports: Ein Schiff aus Südamerika transportiert Rinder auf Deck in den Nahen Osten. Die Tiere haben keinerlei Witterungsschutz und sind dem Meerwasser schutzlos ausgeliefert.

Ein neuer, von uns gemeinsam mit der französischen NGO Robin des Bois veröffentlichter Bericht offenbart alarmierende Zustände in der weltweiten Tiertransportschiff-Flotte. Erstmals untersuchten wir nicht nur die in der EU registrierten Schiffe, sondern die gesamte globale Schiffsflotte, die lebende Tiere über See transportiert.

Die Ergebnisse zeichnen ein deutliches Bild: Der überwiegende Teil der heute eingesetzten Tiertransportschiffe sind jahrzehntealte, umgebaute Frachtschiffe mit erheblichen technischen und strukturellen Mängeln.

Von den 159 weltweit registrierten Tiertransportschiffen wurden 134 ursprünglich nicht für den Transport lebender Tiere gebaut. Viele dieser Schiffe sind rund 45 Jahre alt, werden überdurchschnittlich häufig wegen technischer Mängel beanstandet und regelmässig von Hafenbehörden festgesetzt. Trotz dieser bekannten Risiken werden jedes Jahr weiterhin Dutzende Millionen lebende Tiere auf diesen Schiffen transportiert.

Globale Analyse statt regionaler Betrachtung

Der aktuelle Bericht geht deutlich über frühere Analysen hinaus: Erstmals haben wir die gesamte weltweite Tiertransportschiff-Flotte systematisch untersucht – nicht nur Schiffe, die in der EU zugelassen oder registriert sind. Damit liefert unsere Studie ein umfassendes Bild einer globalen Industrie, die weitgehend auf veralteter und riskanter Infrastruktur basiert.

Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Tierschutzbund Zürich und der französischen Organisation Robin des Bois haben wir die internationale Flotte analysiert und dokumentiert.

Spiridon II: Ein Beispiel für strukturelle Missstände

Wie dramatisch die Folgen dieses Systems sein können, zeigt der Fall des Tiertransportschiffs Spiridon II, der derzeit auch die österreichische Justiz beschäftigt. Das 53 Jahre alte Schiff transportierte im vergangenen Herbst knapp 3000 Rinder von Uruguay in die Türkei.

Bereits vor der Abfahrt kam es zu technischen Problemen und monatelangen Verzögerungen. Während der Überfahrt, die ebenfalls deutlich länger dauerte als geplant, mussten zahlreiche Tiere unter prekären Bedingungen ihre Kälber gebären. Nach der verweigerten Entladung blieben die Tiere wochenlang an Bord – hunderte verendeten.

„Die Spiridon II ist kein tragischer Einzelfall, sondern symptomatisch für eine Branche, die seit Jahren auf marode und teils kaum seetaugliche Schiffe setzt und in Tieren lediglich Fracht sieht“, sagt unsere Projektleiterin Maria Boada Saña.

Der Bericht zeigt: Solche Fälle sind keine Ausnahme, sondern Ausdruck systemischer Risiken in einer kaum ausreichend regulierten Branche.

Überalterte Flotte mit hoher Mängelquote

84 Prozent der untersuchten Schiffe waren ursprünglich klassische Handelsschiffe, die erst Jahrzehnte nach ihrem Bau zu Tiertransportern umgebaut wurden. Diese umgebauten Schiffe weisen deutlich häufiger schwerwiegende technische Mängel auf als eigens konzipierte Tiertransportschiffe.

„Im Durchschnitt sind diese Schiffe heute 45 Jahre alt, wurden bereits 242-mal wegen technischer Mängel beanstandet und viermal von Hafenbehörden festgesetzt“, erklärt Jacky Bonnemains, Geschäftsleiterin von Robin des Bois.

Im Jahr 2024 wurden bei 88 Prozent aller Kontrollen von Tiertransportschiffen Mängel festgestellt. 15,1 Prozent der Schiffe wurden sogar festgesetzt – das ist fast viermal häufiger als der Durchschnitt anderer Schiffstypen. Damit zählt die Flotte seit Jahren zu den risikoreichsten im internationalen Seeverkehr.

„Obwohl diese Schiffe fühlende Lebewesen transportieren, sind sie seit sechs Jahren in Folge die gefährlichste Flotte der Welt. Unser Bericht zeigt, dass viele dieser Schiffe längst aus dem Verkehr gezogen werden müssten“, so Boada Saña.

Umwelt- und Arbeitsverstösse verschärfen das Gesamtbild

Die Probleme betreffen nicht nur das Tierwohl. Fast ein Drittel der Schiffe verstiess in den Jahren 2024–2025 gegen internationale Umweltvorschriften. Viele erfüllen aufgrund ihres hohen Alters die Anforderungen des MARPOL-Übereinkommens zur Verhütung der Meeresverschmutzung nicht.

Zudem wurden auf 60 Schiffen Verstösse gegen internationale Arbeitsstandards festgestellt – etwa bei Unterkünften, Arbeitsbedingungen, Löhnen und sozialem Schutz der Besatzung.

Mehr als die Hälfte der Flotte fährt unter Flaggen, die auf der Schwarzen Liste des Paris Memorandum of Understanding stehen. Intransparente Eigentümerstrukturen sowie unterschiedlich strenge Klassifikationsgesellschaften erschweren zudem eine wirksame Kontrolle.

„Der Bericht macht deutlich, dass die Probleme weit über den Tierschutz hinausgehen. Sie betreffen die Sicherheit der Schifffahrt, den Schutz der Meeresumwelt und die Arbeitsbedingungen der Besatzungen gleichermassen“, sagt Bonnemains.

Klare Forderung: Systemwechsel notwendig

Vor diesem Hintergrund fordern wir die Regierungen der am Lebendtierhandel per Schiff beteiligten Länder dringend zum Handeln auf:

  • Einführung strengerer Standards und Schliessen bestehender Gesetzeslücken
  • Schutz von Tieren, Menschen und Meeresökosystemen
  • Beendigung des Exports lebender Tiere per Schiff

Solange der internationale Tiertransport weiterhin auf einer Flotte basiert, die überwiegend aus alten, umgebauten Frachtschiffen besteht, bleiben schwere Zwischenfälle wie bei der „Spiridon II“ ein systemisches Risiko – für Tiere, Menschen und Umwelt gleichermassen.

Bericht (auf Englisch) hier downloaden

Infografik (auf Englisch) hier downloaden