02. Oktober 2026

Tiertransporte im Grenzchaos

Projektleiterin und Tierärztin Tea Dronjić misst die Temperatur im Innern eines Rindertransporters. Bis 35 Grad werden von der EU noch toleriert. Was darüber ist, verstößt gegen die Vorschriften.

Zoll in Montenegro: Der Grenzübergang ist so klein, dass die Tiertransporter und andere Lastwagen erst direkt vor der Einfahrt von der Pkw-Spur getrennt werden.

Auch Schweine werden häufig über diese Grenze exportiert. Bis zu 65 Tiertransporter verlassen von hier aus jede Woche die EU in Richtung Drittländer.

Gefangen im Lkw – mitten im Grenzchaos. Während draußen der Verkehr stockt, warten drinnen die Tiere. Es ist heiß, Schatten gibt es keinen.

Die Rinder verstehen nicht, warum sie seit Stunden in diesem engen Gefährt stehen müssen. Scheu blicken sie unsere Projektleiterin an.

Lange Staus, ungenügende Kontrollen und fehlende Notfallinfrastruktur: Unsere jüngste Recherche an der kroatisch-montenegrinischen Grenze zeigt gravierende Mängel beim Export lebender Tiere aus der EU.

Am Grenzübergang Karasovići–Debeli Brijeg zwischen Kroatien und Montenegro herrschen für Tiertransporte schlechte Bedingungen: Oft sind die Staus vor der Grenze kilometelang, nirgendwo gibt keine Schattenplätze und im Notfall können Tiere am Grenzübergang nicht ausgeladen werden. Hinzu kommt: Die Kontrollen am Grenzübergang sind unzureichend. Trotzdem verlassen dort Woche für Woche Tiertransporter die EU auf ihrem Weg in Drittländer.

Auf den Grenzübergang aufmerksam geworden sind wir durch einen Fahrer, der von chaotischen Zuständen berichtete. Im Juli waren unsere Teams gemeinsam mit Partnern auf beiden Seiten der Grenze im Einsatz, um zu überprüfen, ob diese Grenze wirklich so chaotisch ist, wie er uns geschildert hatte. Über einen Zeitraum von rund 10 Tagen kontrollierte unser Team dort 40 Tiertransporter und dokumentierte die Bedingungen für die Tiere, Wartezeiten, Temperaturen, Infrastruktur und veterinärrechtlichen Kontrollen.

27 Jungbullen bei 34,2 Grad

Ein Beispiel dafür, was wir dort gesehen haben: Es ist Mittag, und die Sonne brüht auf den Asphalt, als ein dunkler Lastwagen auf einen der wenigen Parkplätze an der Grenze fährt. Dort muss er parken, während die Amtsveterinäre seine Papiere kontrollieren. Im Inneren stehen 27 Jungbullen dicht gedrängt. Der Transporter kommt aus Slowenien, die Ohrmarken der Tiere weisen auf eine Herkunft aus Ungarn und Irland hin. Die Tiere haben zu diesem Zeitpunkt bereits viele Stunden Transport hinter sich.

Einige Rinder liegen auf dem nackten Metallboden, Einstreu ist kaum vorhanden. Das Temperaturmessgerät zeigt 34,2 Grad an. Obwohl Temperaturen bis 35 Grad unter bestimmten Bedingungen noch innerhalb der geltenden Vorgaben liegen können, sind die Belastungen für die Tiere deutlich sichtbar. Der Fahrer gibt an, auf dem Weg in den Kosovo zu sein. Nachdem er seine Unterlagen vom Zoll zurückerhalten hat, setzt er seine Fahrt fort.

50 bis 65 Tiertransporte pro Woche

Der beschriebene Lkw ist einer von vielen, die jede Woche über diese Grenze fahren. Der Grenzübergang zwischen Kroatien und Montenegro ist zu einer wichtigen Route für Transporte lebender Tiere geworden. Jede Woche passieren zwischen 50 und 65 Tiertransporter die Grenze auf dem Weg in Länder wie den Kosovo, Albanien oder Montenegro.

Dabei ist die Infrastruktur dort überhaupt nicht für eine so hohe Frequenz von Tiertransportern ausgerichtet: Die Straße zum Grenzübergang ist schmal und einspurig. Tiertransporter stehen gemeinsam mit Autos, Reisebussen, Wohnmobilen und Motorrädern im Stau. Eine eigene Spur oder ein Vorrang für Transporte mit lebenden Tieren existiert nicht. Während des Einsatzes reichten die Warteschlangen bis zu drei Kilometer. Im Sommer waren sie laut lokalen Medien zeitweise sogar bis zu 20 Kilometer lang.

Warten in der Hitze

Besonders problematisch sind die Wartezeiten bei hohen Temperaturen. Als ein Schweinetransporter auf dem Weg nach Albanien am Zoll eintrifft, werden 39 Grad gemessen. Für die Lastwagen gibt es an der Grenze keine Schattenplätze. „Bei solchen Temperaturen dürften die Staaten gar keine Exporte lebender Tiere mehr genehmigen“, sagt Tierärztin und Projektleiterin Tea Dronjić.

Auch die veterinärmedizinischen Kontrollen sind aus unserer Sicht unzureichend. Auf kroatischer Seite ist ein Amtstierarzt für die Kontrolle der ausfahrenden Tiertransporte und gleichzeitig für die Importe tierischer Produkte zuständig. Während unseres Einsatzes beobachteten wir kein einziges Mal, dass der diensthabende Veterinär sein Büro verließ, um die Tiere in den Transportern zu kontrollieren.

Sieben Stunden im Lastwagen

Nachts ist die Situation ebenso problematisch. Unser Team dokumentierte, wie ein Transporter mit Schweinen auf dem Weg nach Albanien um kurz nach Mitternacht auf dem Parkplatz eintraf. Da der kroatische Grenzübergang für Lastwagen jedoch ab 19 Uhr geschlossen ist, konnte er seine Fahrt nicht mehr fortsetzen und musste bis am nächsten Morgen warten. 

Wegen dieser Fehlplanung des Transportunternehmens mussten die Tiere mehr als sieben Stunden im Transporter bleiben. Während der gesamten Wartezeit waren die Schweine deutlich aufgeregt und schrien wiederholt. Eine Möglichkeit, sie auszuladen und unter geeigneten Bedingungen unterzubringen, gibt es vor Ort nicht.

Kein Plan B für Notfälle

Diese fehlende Notfallinfrastruktur ist besonders kritisch. Am Grenzübergang gibt es keinen Stall und keine geeignete Möglichkeit, Tiere bei längeren Verzögerungen oder Problemen aus den Transportern auszuladen. 

Transporte, die nicht nach Montenegro einreisen dürfen, können nicht einfach in die EU zurückkehren. Die europäische Gesetzgebung sieht für solche Situationen keine Rückkehr lebender Tiere in die EU vor.

Damit entsteht ein erhebliches Risiko: Kommt es an der Grenze zu einer Einreiseverweigerung oder zu einer längerfristigen Unterbrechung der Weiterfahrt, müssen die Tiere unter Umständen weiterhin im Transporter bleiben. Ein Fall wie jener in der Türkei vor zwei Jahren, bei dem 69 trächtige Rinder aus Deutschland nach einer verweigerten Einfuhr qualvoll starben, zeigt, welche Folgen eine solche Situation haben kann.

Am Grenzübergang Karasovići–Debeli Brijeg fehlt damit eine zentrale Voraussetzung für den sicheren Transport lebender Tiere: ein funktionierender Notfallplan mit geeigneten Einrichtungen, in denen Tiere bei Bedarf untergebracht werden können. 

Neue Route, bekannte Probleme

Projektleiterin und Tierärztin Tea Dronjić hat wärhend des Einsatzes auch einige Fahrzeuge bis zu ihrem Bestimmungsort verfolgt, darunter einen Lkw mit Jungbullen, der über eine kurvige, einspurige Bergstraße nach Kosovo fuhr. Am Zielort berichtete der Besitzer des Schlachthofs, dass die früher häufig genutzte Transportroute über Serbien kürzer und für die Tiere weniger belastend gewesen sei als der kurvenreiche Weg via Montenegro. Wegen politischer Spannungen gewann jedoch die Route über die kroatisch-montenegrinische Grenze in den vergangenen Jahren an Bedeutung.

Damit zeigt sich ein Problem, das wir bei der Kontrolle von Tiertransporten immer wieder beobachten: Werden einzelne Routen geschlossen oder stärker kontrolliert, verlagern sich Transporte häufig auf andere Wege. Für uns ist das besonders frustrierend, da wir uns seit Jahren für ein Ende dieser grausamen Tier-Exporte in Drittländer einsetzen.  

Beschwerden und politische Konsequenzen

Die dokumentierten Zustände an der kroatisch-montenegrinischen Grenze werfen deshalb grundsätzliche Fragen zum Export lebender Tiere aus der EU auf. Lange Wartezeiten, hohe Temperaturen, fehlende Infrastruktur und unzureichende Kontrollmöglichkeiten treffen hier unmittelbar aufeinander. Wir finden, es darf nicht sein, dass über eine so ungeeignete Grenze lebende Tiere exportiert werden. 

Die Erkenntnisse aus dem Einsatz tragen wir nun zusammen und legen unseren Bericht und die Beweise der EU-Kommission vor. Unsere Forderung ist klar: Der Grenzübergang Karašovići–Debeli Brijeg muss für den Export lebender Tiere aus der EU geschlossen werden. Ein Grenzübergang, der weder für lange Wartezeiten noch für hohe Temperaturen und Notfälle ausreichend gerüstet ist, bietet keine verlässlichen Voraussetzungen für den Schutz transportierter Tiere.

Unsere Recherche zeigt zugleich, warum Kontrollen entlang der Transportrouten weiterhin notwendig sind. Denn sobald ein Tiertransporter die EU verlässt, wird die Kontrolle der weiteren Reise erheblich schwieriger. Die europäischen Tierschutzvorgaben gelten zwar grundsätzlich bis zum Bestimmungsort. Die tatsächlichen Bedingungen auf den Straßen außerhalb der EU lassen sich jedoch nur schwer überwachen.

Die dokumentierten Probleme an der Grenze

  • Kein Vorrang für Tiertransporter: Die Straße zum Grenzübergang ist einspurig. Tiertransporter stehen gemeinsam mit Autos, Bussen und anderen Fahrzeugen im Stau.

  • Fehlende Infrastruktur: Für wartende Tiertransporter gibt es keine Schattenplätze, Wasserstellen oder Ruhebereiche.

  • Keine Notfallmöglichkeiten: Es gibt keinen Notfallstall und keine geeignete Einrichtung, in der Tiere bei längeren Verzögerungen ausgeladen werden könnten.

  • Unzureichende Kontrollen: Auf kroatischer Seite ist ein einzelner Amtstierarzt sowohl für ausfahrende Tiertransporte als auch für die Kontrolle von Importen tierischer Produkte zuständig.

  • Begrenzte Öffnungszeiten: Tiertransporte erreichen den Grenzübergang regelmäßig außerhalb der Veterinärzeiten und müssen bis zum nächsten Morgen warten.

  • Lange Wartezeiten: Während der Recherche wurden Warteschlangen von bis zu drei Kilometern beobachtet. Laut lokalen Medien waren die Staus im Sommer zeitweise deutlich länger.

  • Hohe Temperaturen: Während der Recherche wurden in der Umgebung Temperaturen von bis zu 39 Grad Celsius gemessen.

Mehr zur Recherche finden Sie hier.