Hitzeschutz auf dem Prüfstand - Recherche zeigt starken Nachholbedarf an deutschen Schlachthöfen
Projektleiterin Iris Baumgärtner dokumentiert einen wartenden Lkw vor einem deutschen Schlachtbetrieb.
Die Schweine in diesem Lkw litten unter starkem Hitzestress. Das zeigt sich durch Hecheln und erhöhte Atemfrequenz.
Wie gut schützen deutsche Schlachthöfe Tiere vor Hitze? Unsere Recherche zeigt: Bei vielen Schlachthöfen fehlen wirksame Massnahmen oder sie reichen nicht aus. Für die Tiere kann das lebensgefährlich werden. Wir fordern wirksamen Hitzeschutz und artenspezifische Temperaturgrenzen, damit Tiere bei zu hohen Temperaturen nicht transportiert werden dürfen.
Warme Sommertage können für Tiere auf dem Weg zum Schlachthof zur lebensgefährlichen Belastung werden. Besonders während der Wartezeit im Transporter können hohe Temperaturen, fehlender Schatten und mangelnde Luftzirkulation zu erheblichem Hitzestress führen.
Wir wollten wissen, welche Massnahmen deutsche Schlachthöfe ergreifen, um Tiere bei hohen Temperaturen zu schützen. Deshalb kontaktierten wir mehrere Unternehmen in verschiedenen Bundesländern. Die Rückmeldung war ernüchternd: Nur ein einziger Betrieb antwortete.
Also haben wir selbst nachgesehen. Von Juni bis August dokumentierten wir die Bedingungen an 18 Schlachthöfen, darunter Geflügel-, Schweine- und Rinderschlachthöfe.
Sechs Schlachthöfe mit mangelhaftem Hitzeschutz
Das Positive zuerst: Etwa die Hälfte der untersuchten Schlachthöfe setzt auf Massnahmen zum Hitzeschutz. Dazu gehören mobile Luftkühler, Ventilatoren und beschattete Wartebereiche. Viele Betriebe verschieben die Anlieferung zudem auf kühlere Tageszeiten und reduzieren die Zahl der transportierten Tiere.
Bei einigen Betrieben konnten wir wegen ihrer Grösse nicht abschliessend beurteilen, wie sie Tiere vor Hitze schützen.
Sechs Betriebe sind uns hingegen negativ aufgefallen:
- Drei Schlachthöfe hatten gar keine Vorkehrungen zum Hitzeschutz.
- Drei verfügten nur über unzureichende Massnahmen.
Die Folgen konnten wir bei unseren Beobachtungen unmittelbar sehen.
Sauen müssen bei Hitze im Transporter warten
An einem der untersuchten Schlachthöfe erreichte ein Transporter mit Sauen erst am frühen Nachmittag das Gelände, als die Sonne bereits hoch stand. Die Atemfrequenz der Tiere war deutlich erhöht, viele hechelten stark. Verzweifelt streckten sie ihre Nasen durch die Gitterstäbe, offenbar auf der Suche nach frischer Luft.
Trotz ihres Zustands mussten die Schweine zunächst weiter im Transporter warten. Erst als wir begannen zu filmen und ankündigten, die Polizei einzuschalten, wurde das Fahrzeug auf das Schlachthofgelände gelassen und die Tiere endlich entladen.
An einem anderen Schlachthof standen Lkw mit hechelnden Puten auf einem öffentlichen Parkplatz. Auf dem Schlachthofgelände gab es keinen Schatten.
Wir haben die verantwortlichen Schlachtkonzerne und die zuständigen Veterinärämter aufgefordert, unverzüglich wirksame Massnahmen zum Schutz der Tiere zu ergreifen.
Hitze wird für Tiere schnell zur Belastung
Wie stark Tiere unter Hitze leiden, hängt unter anderem von Tierart, Alter und Luftfeuchtigkeit ab. Für Zuchtsauen kann bereits ab etwa 22 °C eine kritische Belastung erreicht werden. Bei Rindern, Schweinen und Geflügel liegt die Grenze laut Europäischer Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bei etwa 25 °C, bei ungeschorenen Schafen bei 28 °C. Je höher die Luftfeuchtigkeit, desto mehr leiden die Tiere unter der Hitze.
Auch für den Transport zum Schlachthof gelten Vorgaben: Die deutsche Tierschutztransportverordnung sieht vor, dass Tiere bei Aussentemperaturen von über 30 °C nicht länger als 4,5 Stunden zum Schlachthof transportiert werden dürfen. Danach müssen sie sofort entladen werden.
In der Realität kommt es allerdings immer wieder zu Verzögerungen. Tiere müssen dann bei hohen Temperaturen lange in den Transportern warten – wie auch unsere Recherche zeigt.
„Wenn ein Hitzerekord den nächsten jagt, können Schlachthöfe nicht einfach so weitermachen wie bisher. Die zunehmende Hitze ist keine aussergewöhnliche Ausnahmesituation mehr, sondern eine Herausforderung, auf die sich die Branche einstellen muss. Und die Behörden müssen kontrollieren, ob die notwendigen Massnahmen tatsächlich umgesetzt werden.“ - Iris Baumgärtner, Projektleiterin
Unsere Recherche geht weiter
Mit der Dokumentation der 18 Schlachthöfe ist unsere Recherche noch nicht abgeschlossen. Von den Behörden wollen wir wissen, welche Massnahmen die Schlachthöfe umsetzen, in die wir keinen Einblick erhalten haben.
Gegen Betriebe mit mangelhaftem oder fehlendem Hitzeschutz reichen wir Beschwerde ein. Solche Beschwerden sind langwierig und kostspielig. Wir bleiben trotzdem dran – denn Tiere müssen auch bei hohen Temperaturen wirksam geschützt werden.
So können Sie Tieren helfen
Wenn Sie einen Tiertransporter sehen, der bei Temperaturen von über 25 °C länger als 15 Minuten in der Sonne steht und über keine Lüftung verfügt, zögern Sie bitte nicht, die Polizei zu alarmieren.


