11. Juni 2026

Medienmitteilung Prozess im Fall „Spiridon II“: Organisator des Horror-Transports steht am Freitag in Krems vor Gericht

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Wochenlanges Martyrium auf hoher See, hunderte tote Rinder, in prekärsten Verhältnissen geborene Kälber und am Ende ein Notverkauf nach Libyen: Knapp 3.000 Rinder aus Uruguay wurden im Herbst 2025 Opfer eines beispiellosen Versagens im internationalen Tierhandel. Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen Animal Welfare Foundation und The Marker haben wir den Fall bereits während des Transports recherchiert und öffentlich gemacht. Morgen steht der mutmaßlich dafür verantwortliche Viehhändler aus Österreich im Rahmen einer zivilrechtlichen Klage vor dem Landesgericht Krems. Die Importeure der Tiere werfen ihm Betrug vor.

Die Rinder aus Uruguay, die Hälfte davon trächtige Kalbinnen, waren ursprünglich für die Türkei bestimmt. Dort angekommen wurden sie jedoch nicht von Bord des Frachtschiffs „Spiridon II“ gelassen, weil laut den Behörden knapp 500 davon nicht auf der Importliste aufgeführt waren. Die türkischen Importeure versuchten die Entladung mit einer Klage zu erwirken, doch das türkische Gericht lehnte dies ab. 

Derweil wurden die Zustände an Bord zunehmend schlimmer: immer mehr Tiere starben, immer mehr Tiere gebaren in knietiefem Schlamm ihre Kälber. An Bord häuften sich weiße Säcke. Auf Fotos schien aus einem davon ein Tierbein hervorzuragen. Der strenge Geruch nach Verwesung und Gülle, der in der Bevölkerung Bandirmas sogar zu Protesten führte, lässt ebenfalls darauf schliessen, dass an Bord tierische Überreste gelagert wurden. 

Nach fast vier Wochen vor der türkischen Küste drehte das Schiff schließlich um, schaltete daraufhin mehrere Tage lang sein Ortungssystem aus und entlud die überlebenden Tiere am Ende in der libyschen Stadt Bengasi. Bei der Ankunft waren die weißen Säcke auf dem oberen Deck verschwunden, was darauf hindeutet, dass tote Tiere während der Funkstille im Mittelmeer versenkt wurden. Wir haben darüber berichtet. 

Importeure werfen Viehhändler Betrug vor

Die Importeure machen den Waldviertler Viehhändler Christian Klinger und seine Firma Agro Breeding für die Geschehnisse verantwortlich. Sie werfen ihm vor, sie wissentlich betrogen und dadurch massiven finanziellen Schaden angerichtet zu haben. Deshalb muss er sich nun vor dem Landesgericht in Krems verantworten. 

Nach Angaben der Importeure hatte Klinger den Transport organisiert und die Verladung der nicht auf der Importliste aufgeführten Tiere veranlasst. Darüber hinaus habe er die im Juli geplante Abfahrt des Schiffes aus unbekannten Gründen um rund zwei Monate verzögert. Dadurch seien viele Rinder nicht mehr transportfähig gewesen, da ihre Trächtigkeit bereits zu weit fortgeschritten war. Obwohl er das gewusst habe, habe er den Transport durchgeführt. Weiter werfen die Importeure dem Viehhändler vor, einem von ihnen beauftragten Tierarzt während der Beladung in Uruguay den Zutritt zum Schiff verweigert und verhindert zu haben, dass die Importeure mit einem Ohrmarken-Lesegerät die Tiere beim Betreten des Schiffs kontrollierten. 

Die Importeure seien bereits in Vorleistung gegangen und hätten deshalb keinen Rückzieher von dem Deal machen können, geben sie an. Sie machen den Viehhändler für die gescheiterte Einfuhr, das Leid der Tiere und die entstandenen wirtschaftlichen Schäden verantwortlich. Als erfahrener Geschäftsmann, der seit Jahren nachweislich mit den Import- und Abwicklungsprozessen in der Türkei vertraut ist, hätten ihm die Risiken eines solchen Transports bewusst sein müssen.

Nun soll das Landesgericht Krems klären, ob die gegen ihn erhobenen Betrugsvorwürfe berechtigt sind.

Tierschützer sehen strukturelles Problem

„Lebendtiertransporte sind für Tiere eine extreme Belastung – selbst wenn alles planmäßig verläuft: Dauerstress durch Seegang, extreme Enge, mangelnde Versorgung, Verletzungen und Todesfälle sind systemimmanent. Kommen dazu noch bewusst in Kauf genommene Risiken, wie das Laden nicht registrierter Tiere, ist massives Tierleid vorprogrammiert“, sagt Maria Boada Saña, Tierärztin und Projektleiterin Schiffstransporte bei der Animal Welfare Foundation. 

„Auch aus Österreich werden jedes Jahr tausende Rinder per Schiff in Drittstaaten exportiert, besonders nach Algerien. Die beschuldigte Firma hat solche Exporte aus Österreich in der Vergangenheit selbst organisiert. EU-weit werden jährlich rund 3 Millionen Tiere per Schiff exportiert – dabei kommt es immer wieder zu schweren Vorfällen, bei denen Tiere leiden oder sterben. Die Tragödie um die ‘Spiridon II’ ist bei Weitem kein Einzelfall und zeigt in aller Deutlichkeit, dass es ein Verbot von Schiffstransporten lebender Tiere braucht“, ergänzt Ann-Kathrin Freude von The Marker. 

Chronologie der Ereignisse

  • 21. September 2025: Das Frachtschiff „Spiridon II“ legt in Montevideo, Uruguay, mit 2.901 Rindern an Bord ab. Ziel: Bandirma in der Türkei. Rund die Hälfte der Tiere an Bord sind trächtige Kalbinnen. 
  • 22. Oktober 2025: Das Schiff braucht für die Überfahrt etwa zehn Tage länger als normal und legt nach 30 Tagen in der Türkei an. Einen Tag davor hatten die Importeure die Importdokumente der Firma Agro Breeding erhalten und reichten sie über einen Zollmakler bei Veterinäramt und Zoll ein. Die Behörden kontrollieren gleichentags das Schiff und stellen fest: 2.697 Rinder sind identifizierbar und für den Import ausgewählt, 146 Rinder sind nicht identifizierbar (keine Ohrmarken), 469 Rinder (mit lesbaren Ohrmarken) sind nicht für den Import ausgewählt, 140 Rinder haben während der Überfahrt gekalbt (wobei nur 50 Kälber auf dem Schiff festgestellt wurden, 90 blieben unauffindbar), 58 Rinder sind vor der Inspektion gestorben. 
  • 23. Oktober 2025: Die Veterinär-Sonderkontrollstelle entscheidet, dass die Tiere nicht von Bord gelassen werden dürfen. Daraufhin reicht ein Importeur Beschwerde gegen diesen Entscheid ein und verlangt, dass zumindest die für den Import gelisteten Tiere entladen werden. 
  • 23. Oktober bis 14. November 2025: Das Schiff liegt vor der türkischen Küste. Am 9. November darf es andocken, um Futter zu laden. Die Situation an Bord verschlechtert sich zunehmend, weitere Tiere sterben. Anwohner klagen über Fliegen und Gestank in der Hafengegend. 
  • 13. November 2025: Die Beschwerde des Importeurs wird vom Verwaltungsgericht Balikesir abgelehnt. 
  • 14. November 2025: Die „Spiridon II“ verlässt mit den Tieren an Bord die Türkei und gibt zunächst Uruguay als Ziel an.
  • 18.–21. November 2025: Neben der tunesischen Küste verschwindet das Schiff plötzlich vom Radar und taucht erst Tage später in entgegengesetzter Richtung, vor der libyschen Küste, wieder auf.
  • 22.–24. November 2025: Die überlebenden Tiere werden nach zwei Monaten an Bord in Libyen entladen und verkauft. Daraufhin verlässt das Schiff den Hafen von Bengasi wieder und gibt zunächst Alexandria in Ägypten als Ziel an, später dann Beirut im Libanon.
  • 27. November 2025: Die „Spiridon II“ erreicht den Hafen von Beirut. Das Schiff ist bei seiner Ankunft leer. 
  • 23. März 2026: Der ORF berichtet in seiner Sendung «ZIB2» als erstes darüber, dass die Firma Agro Breeding GmbH aus Jagenbach im Waldviertel den Transport organisiert hat. Videos aus dem Inneren des Schiffs zeigen unermessliches Tierleid: tote, verletzte und stark verschmutzte Tiere, Knietiefe Gülle und Berge geschwächter, neugeborener Kälber. 
  • 12. Juni 2026: Der Chef der Firma Agro Breeding GmbH, Christian Klinger, muss sich vor dem Landesgericht Krems verantworten. Die Importeure werfen ihm Betrug vor. 

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