21. November 2025

Vetimpulse berichtet: Warum Island die PMSG-Blutfarmen nicht weiter genehmigen darf

Ein Mitarbeiter auf einer isländischen Blutfarm tritt eine Stute mit den Füßen.

Die Blutentnahmen sind für die Stuten mit großer Angst verbunden. Rechts unten im Bild zu sehen ist der Kanister, in dem das Blut gesammelt wird.

Eine Stute versucht aus einer sogenannten Blutbox zu fliehen.

In einem ausführlichen Bericht erläutert die veterinärmedizinische Zeitung Vetimpulse, wie Island weiterhin die Gewinnung von PMSG aus dem Blut trächtiger Stuten erlaubt – trotz EU-Warnung, massiver Tierschutzbedenken und laufender Verfahren. Dabei bezieht sich das Magazin auch auf unsere neuen Recherchen aus Island, die die erschütternden Zustände auf den Blutfarmen aufdecken.

Nachfolgend können Sie den Artikel von Autorin Michelle Brajdic lesen: 


Stuten leiden immer noch für industrielle Tierzucht 

Umstritten: Neue Genehmigung für PMSGBlutfarmen in Island? 

Zürich/Freiburg/Gießen/Reykjavik/mb – Recherchen zweier Tierschutzorganisationen zeigen: In Island wird Stuten literweise Blut abgezapft, um das Fertilitätshormon PMSG zu gewinnen. Dieses wird vorrangig in der Schweinezucht eingesetzt. 

Nun ist die Lizenz des verantwortlichen Pharmakonzerns ausgelaufen. Am 20. Oktober haben Vertreter der Animal Welfare Foundation e.V. (AWF) und des Tierschutzbunds Zürich (TSB) mit weiteren Partnerorganisationen der isländischen Regierung rund 300.000 Unterschriften überreicht. »Wir fordern die Regierung auf, dem Pharmaunternehmen Ísteka und den Betreibern der Blutfarmen keine neue Genehmigung zu erteilen und das Blutgeschäft endlich zu beenden«, sagt Sabrina Gurtner, Projektleiterin bei AWF und TSB. "Da bereits ein EFTA-Mahnverfahren gegen Island läuft, stehen die Chancen nicht allzu schlecht", erklärt sie optimistisch. 

Verstoß gegen geltendes Recht 

Die EFTA-Überwachungsbehörde (ESA) stellt sicher, dass sich Island an die Regelungen des europäischen Wirtschaftsraums hält. Und genau das ist der Knackpunkt. Denn Island verstößt mit den Farmen, auf denen Pregnant Mare Serum Gonadotropin (PMSG) gewonnen wird, gegen die EURichtlinie 2010/63/ EU zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere. 

Nach dieser Richtlinie müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein, bevor ein Projekt genehmigt werden darf. Es muss beispielsweise geprüft werden, ob es eine wissenschaftlich gleichwertige Methode gibt, die ohne den Einsatz lebender Tiere auskommt (3R-Prinzip). Zudem muss eine Schaden-Nutzen-Analyse erfolgen. "Island glaubte jedoch, dass diese Blutentnahme bei trächtigen Stuten nicht unter die isländische Verordnung zur Umsetzung der EU-Richtlinie fällt. Deshalb wurden diese Schutzmaßnahmen in der Praxis nicht angewendet", erklärt Gurtner. 

Nach einer Beschwerde von AWF und TSB im Jahr 2022 hat die ESA deshalb eine Warnung an Island ausgesprochen. Die isländische Veterinärbehörde MAST beschloss damals jedoch, dass die Lizenz des Unternehmens bis Oktober 2025 gültig bleibt. 

Und wie ist der Stand heute? Auf unsere Nachfrage sagt der Geschäftsführer von Ísteka, Arnthor Gudlaugsson: "Wir sind dabei, vor Beginn der nächsten Saison, die im Juli 2026 beginnen soll, eine Verlängerung zu beantragen. Zudem haben wir unsere Behörden wegen einer bestimmten Formalität dieser Lizenz verklagt." Bei der Übergabe der Unterschriften an die isländische Regierung hielt sich die zuständige Ministerin Hanna Katrín Friðriksson bedeckt. Laut AWF und TSB machte sie keine offiziellen Zusagen und erklärte, dass die Regierung keine öffentliche Stellungnahme abgeben könne, bevor die Gerichte über die Klage von Ísteka gegen den Staat entschieden hätten. 

Gudlaugsson hingegen ist zuversichtlich, dass die Lizenz aus – wie er sagt – mehreren guten Gründen verlängert wird: "Der wichtigste Grund ist das bisherige, gegenwärtige und zukünftige Wohlergehen der spendenden Stuten selbst. Umfangreiche Studien und intensive Untersuchungen haben gezeigt, dass das Entnahmesystem im Einklang mit der Biologie der Stuten steht. Die Auswirkungen auf sie sind sowohl sehr begrenzt als auch von kurzer Dauer. Darüber hinaus führen diese Stuten ein natürlich bereichertes Leben, und die Lebenserwartung von Blutspenderstuten übertrifft bei weitem die aller anderen Nutztiere." Er ist der Meinung, dass "es sich um ein sehr tierfreundliches Produktionssystem handelt."

Das Bildmaterial der Tierschutzvereine AWF und TSB zeichnet jedoch ein anderes Bild. "Unsere wiederholten Recherchen auf isländischen Blutfarmen zeigen die systematisch grausame Behandlung der Pferde. Das Filmmaterial von zehn Blutfarmen zeigt, wie die halbwilden Stuten während der Blutentnahme massivem Stress und Schmerzen ausgesetzt sind. Die Tiere werden geschlagen, mit Stöcken und Brettern gestoßen und von ihren Fohlen getrennt. Den Stuten werden die Köpfe in unnatürlichen Positionen hochgebunden, was zu einem erhöhten Verletzungsrisiko führt, vor allem im empfindlichen Nackenbereich der Tiere", führt Gurtner ihre Beobachtungen aus. 

Über acht Wochen lang werden den trächtigen Stuten pro Woche je 5 Liter Blut entnommen – das entspricht etwa 15% des Gesamtblutvolumens. "Diese Menge liegt deutlich über den international empfohlenen Standards von 7,5%. Doch nicht nur die Stuten leiden. Auch die Fohlen der Blutstuten sind Opfer. Viele werden während der Blutentnahme von ihren Müttern getrennt und geraten in Panik. Die meisten von ihnen werden später als Nebenprodukt geschlachtet", so Gurtner. 

Vor diesem Hintergrund scheint es unerklärlich, warum scheinbar dennoch eine erneute Lizenzgenehmigung im Raum steht. Gurtner findet klare Worte: "Eine erneute Lizenz würde klar gegen europäisches und isländisches Recht verstoßen, da die Blutentnahmen als Tierversuche gelten und längst tierfreie Alternativen existieren, die etwa hier in der Schweiz, aber auch in Island selbst angewendet werden."

So kam auch Prof. Dr. Axel Wehrend von der JLU Gießen in seinem Abschlussbericht zum Thema "Alternativen zum Einsatz von PMSG/eCG in der Sauenhaltung" zu dem Schluss, "dass eine Ferkelerzeugung auf hohem Niveau auch ohne PMSG/eCG möglich ist. Um gute Fortpflanzungsergebnisse zu erzielen, ist es wichtig die Haltung, das Management und die Tiergesundheit zu verbessern. Insbesondere der Einsatz von zootechnischen Maßnahmen spielt hier eine große Rolle." Derzeit gibt es laut Wehrend mit Peforelin allerdings nur ein medikamentöses Alternativprodukt, zu dem nur wenige, beziehungsweise widersprüchliche Daten vorliegen. 

EU-Parlament positioniert sich klar 

Auch das Europäische Parlament ist bereits im Jahr 2021 aktiv geworden und hat die EU-Kommission aufgefordert, die Einfuhr und Produktion von PMSG zu verbieten. Damals hat es mit einer Mehrheit eine Resolution zur sogenannten "Farm to Fork"-Strategie angenommen, die auch eine Klausel zu PMSG enthält. In der Klausel heißt es: "Strukturelle Tierversuche, die nicht unverzichtbar sind, sollten keinen Platz in der Lebensmittelkette haben, da die Richtlinie 2010/63/EU den Ersatz und die Reduzierung der Verwendung von Tieren in Verfahren vorschreibt."

Zudem gibt es eine parlamentarische Fragestellung von Mai 2025, in der das Parlament deutlich macht, dass der Vorgang der PMSG-Blutgewinnung bei den Tieren Stress, Angst und Schmerzen verursacht und bei der Entnahme oft Gewalt angewendet wird. In dem Schreiben wird zudem darauf hingewiesen, dass die Stuten dadurch einem Risiko für Infektionen, Venenentzündungen, Thrombosen und Anämie ausgesetzt sind. Die Kommission wird aufgefordert, folgende Fragen zu beantworten: 

  1. Wie steht die Kommission zu Islands anhaltendem Verstoß gegen die Richtlinie 2010/63/EU und wie ist der aktuelle Stand des Vertragsverletzungsverfahrens? 
  2. Wie reagiert die Kommission auf die Forderung des Parlaments in seiner Entschließung von 2021 zur "Farm to Fork"-Strategie, die Einfuhr und die heimische Produktion von PMSG in der EU zu stoppen?

Bereits im April 2024 hat das Parlament eine Fragestellung an die Kommission gestellt, in der nach konkreten Maßnahmen gefragt wird. So forderten die Mitglieder darin unter anderem, natürliches Gonadotropin durch ein synthetisches Hormon zu ersetzen. 

Und was sagt die Kommission? Auf die Nachfrage der VETimpulse gab es bis zum Redaktionsschluss keine Reaktion. Es scheint fast so, als würde sie seit 2021 zum Thema schweigen… 

Zusammenfassend kann man also sagen, dass mit den PMSG-Farmen in Island gegen EU-Vorschriften verstoßen wird. Die isländischen Behörden wissen davon und müssen nun entscheiden, ob diese Praktik weiter ausgeübt werden darf oder nicht. Nach Sabrina Gurtner sollte der Fall klar sein: "Die MAST darf und kann die Lizenz von Ísteka nach geltendem Recht nicht verlängern. Dies bietet eine einmalige Chance für Island, ein dunkles Kapitel seiner Geschichte zu schließen und ein Zeichen für den Tierschutz zu setzen."

mb

Verkehrsfähige PMSG-Präparate in Deutschland: 

  • Fixplan (Serumwerk Bernburg), Herkunft Argentinien 
  • Pregmagon (CEVA Tiergesundheit GmbH), Herkunft Island
  • Suigonan (MSD – Intervet Deutschland GmbH), Herkunft Island
  • Gestavet (Laboratorios Hipra S.A.) 

Quelle: Vetidata, AWF/TSB

Blutfarmen in Argentinien und Uruguay 

Auch in Südamerika werden Stuten für die Gewinnung von PMSG gehalten. Die Animal Welfare Foundation e.V. (AWF) und der Tierschutzbund Zürich (TSB) klären bereits seit 10 Jahren über Blutfarmen in Argentinien und Uruguay auf – und konnten im Lauf der Jahre keine Verbesserungen bezüglich des Tierschutzes feststellen. Projektleiterin Sabrina Gurtner sagt dazu: "Unsere neuen Recherchen von 2023 bis 2025 zeigen, dass sich die Zustände nicht verbessert haben und die Stuten noch immer leiden. Ihre Fohlen werden systematisch abgetrieben, damit sie zweimal pro Jahr gedeckt werden können und das wertvolle Hormon produzieren, das sich vom Tag 40 bis 140 der Trächtigkeit in ihrem Blut befindet." Ihre Rechercheergebnisse haben sie in einem Film zusammengefasst, den sie durch Interviews mit einem Pferdetierarzt, einer Abgeordneten des EU-Parlaments und argentinischen Anwälten ergänzt haben. Der Film "Das Blutgeschäft mit trächtigen Stuten" wird im November auf YouTube veröffentlicht.