14. November 2025

Pressemitteilung: Trächtige Färsen und neugeborene Kälber sterben, während „Spiridon II“ mit tausenden Tieren an Bord weiterhin vor der türkischen Küste festgehalten wird

Das Frachtschiff "Spiridon II", das unter togolesischer Flagge fährt, steckt mit 3.000 Rindern aus Uruguay an Bord vor der türkischen Küste fest.

Neue Gerichtsdokumente geben Aufschluss über das Ausmaß der Krise an Bord des uruguayischen Viehtransporters Spiridon II. Das Schiff liegt seit fast einem Monat mit 2.901 Rindern an Bord vor der türkischen Küste fest. 

Wie neu enthüllte Gerichtsdokumente zeigen, wurde die Einfuhr der Rinder abgelehnt, weil 469 Tiere nicht auf der Auswahl- bzw. Kontrollliste vermerkt waren. Einer der Importeure focht das Importverbot an mit der Begründung, die Kontrollen seien falsch durchgeführt worden. Das Gericht stellte jedoch „keine offensichtliche Rechtswidrigkeit“ fest und lehnte seinen Antrag ab. Ob er diese Entscheidung anficht, ist unklar. 

Da das Schiff – außer zur Ladung von Futter und Wasser am Sonntag, 9. November – bislang im offenen Wasser vor Anker lag, ist wenig bekannt über die Zustände an Bord. Dank der Gerichtsakten wird das Ausmaß des Falls nun klarer: 

  • Laut den Dokumenten waren während des Transports von Uruguay in die Türkei bereit 58 Rinder gestorben. 
  • Es befanden sich (und befinden sich weiterhin) zahlreiche trächtige Färsen an Bord. Gemäß den Akten gebaren während der Fahrt 140 Färsen ihre Kälber. 
  • 50 Kälber habe man an Bord gefunden, über den Verbleib der weiteren 90 Kälber sei nichts bekannt. 

„Lebende Neugeborene haben es wirklich schwer – und das ist auch für die Besatzung schrecklich“, sagt Dr. Lynn Simpson, Veterinärin und international renommierte Expertin für Tiertransporte per Schiff. „Oftmals bringen Kühe/Färsen ihre Kälber ohne große Vorwarnung zur Welt und befinden sich dabei häufig in einem vollbesetzten Bereich mit vielen anderen Rindern. Das bedeutet, dass die Neugeborenen leicht zertreten und verletzt oder getötet werden können.“ Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass viele oder sogar die meisten Kälber tot sind. Aufgrund der stressigen Bedingungen an Bord kommt es zudem auch häufig zu Fehlgeburten.

In einem Podcast, der kurz nach der Abfahrt des Schiffes in Uruguay aufgenommen wurde, sagte Fernando Fernández, der Exporteur von Ganosan Livestock, der den Export organisiert hat, etwa die Hälfte der Rinder an Bord der Spiridon II seien trächtige Färsen. 
Die deutsche Tierschutzorganisation Animal Welfare Foundation (AWF) hat gemeinsam Animal Advocacy and Food Transition, Animals International sowie Dr. Lynn Simpson die türkischen Behörden in einem Brief aufgefordert, die Tiere dringend zu entladen. Eine Antwort steht noch aus. 

Nachdem die EU-Kommission die Bitte um Hilfe abgelehnt hat mit der Begründung, der Fall sei außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs, kontaktierten die Organisationen die Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH). 

Die Organisationen warnen vor einer akuten Tierwohl-, Gesundheits- und Biosicherheitskrise: Die Spiridon II kann wegen des MARPOL Abkommens nicht gereinigt oder desinfiziert werden, Abwasser und Müll sammeln sich an, tote Tiere können nicht entsorgt werden und überlebende Rinder sind der stickigen, kontaminierten Luft und den verwesenden Kadavern ausgesetzt. 

Die Unterzeichnenden bitten die WOAH dringend,

1.    mit den türkischen Behörden in Kontakt treten, um den aktuellen Zustand der Tiere an Bord der Spiridon II zu überprüfen,
2.    eine sofortige tierärztliche Untersuchung und Intervention zu beantragen,
3.    die Behörden anzuhalten, die sofortige Entladung gesunder und humane Euthanasie kranker Tiere unter angemessener tierärztlicher Aufsicht zu genehmigen. 
4.    die Umwelt- und Gesundheitsrisiken zu bewerten, die durch die anhaltende Ansammlung von Abfällen und Tierkadavern an Bord entstehen.

Dieser Fall verdeutlicht erneut die systemischen Risiken des Transports lebender Tiere auf See, insbesondere wenn Tiere aufgrund administrativer oder handelspolitischer Komplikationen nicht ausgeladen werden dürfen. Er unterstreicht auch die Notwendigkeit klarer internationaler Mechanismen, um solche Tierschutzkatastrophen zu verhindern. 

Die Animal Welfare Foundation fordert ein Verbot von Lebendtiertransporten auf hoher See! „Solange solche Transporte erlaubt sind, werden sich Tragödien wie diese wiederholen,“ sagt Maria Boada Saña, Tierärztin bei der Animal Welfare Foundation. 

Die Spiridon II (früherer Name: Mikhail Cheremnykh) fährt derzeit unter togolesischer Flagge und wurde 1973 in Finnland gebaut. Zwischen 2021 und 2024 wurden bei dem Frachter insgesamt 84 Mängel festgestellt und das Schiff wurde einmal festgesetzt (neunmal in seiner gesamten Betriebszeit). Bis Juni 2024 war es in Spanien für den Transport von Tieren zugelassen. Seitdem verfügt es nach unserem Kenntnisstand über keine Genehmigung für den Transport von Tieren in Europa. Gemäß dem Pariser MoU handelt es sich um ein Schiff unter schwarzer Flagge, was bedeutet, dass es ein hohes Risiko für die Tiere an Bord, die Besatzung und die Sicherheit im Seeverkehr darstellt.

Hier können Sie die Pressemitteilung downloaden. 

Eine frühere Pressemitteilung zum Fall finden Sie hier