23. Februar 2026

Statt 9000 Kilometer über Land und Meer: 164 dänische Rinder werden nach Kasachstan geflogen

Die Jungrinder aus Dänemark vor der Abfahrt im Stall in Tschechien.

Diese extrem weite Strecke hätten die Tiere zurücklegen müssen - wäre es nicht in letzter Minute anders gekommen. (Bild: Google Maps)

Unsere Projektleiterin Magda Romańska wartet darauf, dass die Transportfahrzeuge beladen werden.

Unsere Projektleiterin Magda Romańska hält Ausschau nach den Lkw.

In der Dunkelheit folgen wir den letzten zwei Transportern.

164 dänische Jungrinder sollten auf einem rund 9000 Kilometer langen Transport von Tschechien nach Kasachstan gebracht werden – über mehrere Länder, auf der Straße und auf See. Wir bereiteten uns darauf vor, eine der längsten Routen zu dokumentieren, die wir je recherchiert haben. Doch der Einsatz nahm eine unerwartete Wendung.

Im November erhielten wir einen Hinweis zu dänischen Färsen, die im Oktober von Tschechien nach Kasachstan transportiert worden waren. Exporte sogenannter „Zucht“rinder aus europäischen Ländern in weit entfernte Länder wie Kasachstan oder Usbekistan sind seit Jahren gängige Praxis. Bislang ging der Transport meist über Russland. 

Neu war jedoch die offenbar geplante Ausweichroute: Aufgrund möglicher Restriktionen oder eines Embargos sollte Russland umgangen werden. Ein Informant berichtete uns von einer rund 9000 Kilometer langen Strecke auf dem Land- und Seeweg: von Tschechien über Österreich, Ungarn und Rumänien, weiter mit einer dreitägigen Überfahrt über das Schwarze Meer ab Bulgarien, anschließend per Lkw durch Georgien und Aserbaidschan, gefolgt von einer weiteren Fährpassage über das Kaspische Meer. Von dort wären es nochmals rund 3500 Kilometer quer durch Kasachstan bis nach Pawlodar im Nordosten des Landes gewesen.

Für uns war klar: Eine derart extreme Route bedeutet enormes Risiko und erhebliches Leid für die Tiere. Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Animals’ Angels entschieden wir, den angekündigten Transport lückenlos zu dokumentieren.

Vorbereitung unter Hochdruck

Die Organisation eines solchen Einsatzes innerhalb weniger Tage war anspruchsvoll. Unsere Einsatzkräfte benötigten internationale Führerscheine, je nach Land entsprechende Visa, Erfahrung mit extrem langen Nachfahrten sowie die Fähigkeit, mit massivem Schlafmangel umzugehen. Gemeinsam mit Animals’ Angels stellten wir innerhalb von vier Tagen sechs Teams zusammen, um die Länder entlang der Route abzudecken.

Den Auftakt machte das tschechische Team: Es sollte das Startsignal geben, sobald die Transporter losfuhren. Da weder Datum noch Uhrzeit der Abfahrt bekannt waren und lediglich ein möglicher Abfahrtsort südlich von Pilsen sowie die beteiligten Transportunternehmen feststanden, begann zunächst eine Phase des Wartens. Bei Temperaturen unter null Grad harrte das Team 48 Stunden im Fahrzeug aus – ohne Sichtung eines Transporters.

Erst durch einen Zufall entdeckten sie die gesuchten Lkw auf dem Gelände eines Stalls in einem Nachbardorf. Damit war klar, wo der Transport beginnen würde.

Plötzlicher Kurswechsel

Nach einer weiteren Nacht der Observation beobachtete das Team am folgenden Nachmittag die Verladung von 165 dänischen Färsen. Es informierte umgehend die übrigen Teams, darunter jenes in Bulgarien, das sich im Hafen auf die erwartete Ankunft der Lkw vorbereitete. 

Kurz nachdem die letzten beiden Tiertransporter das Gelände verlassen hatten, nahmen wir im nächtlichen Schneegestöber die Verfolgung auf. Doch statt wie erwartet Richtung Südosten nach Österreich zu fahren, schlugen die Lkw plötzlich die entgegengesetzte Richtung ein – nach Nordwesten.

Zunächst befürchteten wir, die falschen Fahrzeuge zu verfolgen. Da die anderen Lkw jedoch längst nicht mehr zu finden waren, blieben wir an den Transporten dran. Was folgte war eine rund 750 Kilometer lange Fahrt nach Belgien. Statt Kasachstan steuerten die Lkw den Flughafen Lüttich an. Von dort wurden die Tiere – wie wir später erfuhren – in einem siebenstündigen Flug nach Kasachstan ausgeflogen.

Was war passiert? Nach unseren Informationen waren Tiere, die im Oktober auf dem Land- und Seeweg transportiert worden waren, in sehr schlechtem Zustand in Kasachstan angekommen. Angesichts der enormen Distanz überrascht das nicht. Offenbar reagierte das kasachische Landwirtschaftsministerium darauf und untersagte den Import von Rindern auf dem Landweg. Seither soll die Einfuhr nur noch per Flugzeug erlaubt sein.

Vorgeschriebene Ruhepause nicht eingehalten

Obwohl wir Lebendtierexporte grundsätzlich ablehnen, waren wir in diesem Fall erleichtert, dass die Färsen in ein Flugzeug verladen wurden. So blieb ihnen die extrem lange und belastende Reise auf der Straße und über zwei Meere erspart. 

Dennoch bleiben erhebliche Kritikpunkte: Die Tiere wurden ohne die vorgeschriebene 24-stündige Ruhezeit transportiert. Bei der Umladung der Tiere ins Flugzeug waren sie bereits mindestens 34 Stunden unterwegs, bei der Ankunft in Kasachstan sogar bereits über 41 Stunden. Eine so lange Reise ohne die vorgeschriebene Ruhezeit von 24 Stunden ist illegal. Wir haben deshalb Beschwerden bei den zuständigen Genehmigungs- und Kontrollbehörden in Tschechien und Belgien eingereicht.

Warum die Tiere aus Dänemark überhaupt aus Tschechien transportiert wurden, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Gut möglich, dass die Tiere ursprünglich ebenfalls per Lkw hätten nach Kasachstan transportiert werden sollen. Denn die Weisung der kasachischen Regierung war offenbar ganz neu. Es ist aber auch möglich, dass die Transporteure damit strengere Genehmigungsvorschriften für so lange Transporte in Dänemark umgehen wollten.